Dritter Akt dritte Szene

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Personen
  • Romeo 
  • Lorenzo
  • Wächterin
Inhalt
Lorenzo und Romeo sprechen miteinander über die Ereignisse. Romeo ist außer sich, dass er verbannt ist und wäre lieber tot als Verona ohne Aussicht auf Rückkehr verlassen zu müssen. Lorenzo kann diesen Standpunkt nicht nachvollziehen und kritisiert Romeo dafür scharf. Er stellt auch dessen Männlichkeit in Frage. Es klopft an der Tür und Julias Wächterin tritt ein. Sie tauscht sich mit Lorenzo über das Befinden der beiden Liebenden aus, beiden geht es schlecht. Sie fragt nach Romeo und wechselt einige Worte mit ihm. 
Als Lorenzo wieder erklärt wie undankbar Romeo ist geht die Wächterin und hinterlässt ihm den Ring von Julia. Er hat wieder Hoffnung geschöpft.
Lorenzo rät ihm sich in der Nacht nach Matua abzusetzen und will Romeos Diener für ihn suchen. 
Themen
  • Undank
  • Schicksal
  • Tragödie
  • Leiden
  • Trennung 
  • Verbannung

Funktion der Szene / Interpretation 

Bei der Einordnung der Szene in das restliche Stück fällt auf, dass sie sich zeitlich genau an die vorher gehende Szene anschließt. Die Wächterin kommt von Julia und geht zu Romeo. Diese Szene hat die Funktion den Zuschauern Romeos Sicht auf seine Verbannung zu  vermitteln, denn in der Szene zuvor war Julia ja da und hat ihre Perspektive mit der Wärterin erörtert.

So ist Lorenzo auch das Gegenstück zur Wächterin. Während Julias Vertraute die Wächterin ist, die sich auch schickt um Romeo Botschaften zu übermitteln, ist Romeos Vertrauter der Pater. Dieser ist ihm aber nicht, anders als das bei der weiblichen Seite der Fall ist, gesellschaftlich untergeben. Bei der Wächterin handelt es sich ja um Julias Bedienstete. 


Obwohl das Schicksal scheinbar gnädig war mit Romeo hadert dieser sehr und klagt Bruder Lorenzo sein Leid.  Dieser ist aufgebracht über Romeos undankbare Klagen und gibt ihm seine Meinung auch offen zu verstehen, indem er sehr mit Romeo schimpft. Dabei verliert er das erhabene, christliche Auftreten, welches er noch in den Szenen zuvor hatte. Da war er der Würdenträger der Kirche, der Vertrauensmann und der Vertreter der höchsten Gesellschaftsmacht. Jetzt wählt er klare und auch harte  Worte und bezichtigt Romeo der Unmännlichkeit : Halt ein die tolle Hand! Bist du ein Mann? Dein Äußres ruft, du seist es, deine Tränen Sind weibisch, deine wilden Taten zeugen Von eines Tieres unvernünftger Wut. Entartet Weib in äußrer Mannesart!

Lorenzos Worte werfen auch gleich ein Bild auf das Männerbild der elisabethanischen Zeit. Männer haben sich ihrem Schicksal mutig entgegenzustellen und es männlich, ohne Klagen, zu tragen wann immer es kommt. Nur Frauen sind weibisch und beklagen sich darüber. Weibsch zu sein, also sich wie eine Frau zu verhalten, das ist eine Beleidigung für Männer in der damaligen Zeit.

Der Dialog von Romeo und Lorenzo ist geprägt von Dramatik. Romeo betont wie tragisch die Verbannung für ihn ist, indem er suizidale Tendenzen verlauten lässt und außerdem noch den Tod permanent erwähnt. Für ihn ist es besser zu sterben, als ohne Julia zu sein. Diese alles-oder-nicht-Haltung sorgt für die entsprechende Dramatik und Spannung in der Szene.  Der Tod ist im gesamten Stück ein präsentes Thema: Romeo und Julia spielen beide immer und immer wieder darauf an, schrammen an ihm vorbei oder sind selbst in Tötungen verwickelt. 

Sprachliche Auffälligkeiten
Gibt es mehrere: Während sich Romeo beklagt redet er in der dritten Person über sich selbst ( Doch Romeo darf nicht. Mehr Würdigkeit). 
In dieser Szene finden sich zu dem mehrere längere Monologe. Zum Einen erklärt Romeo warum es so dramatisch für ihn ist verbannt zu werden, zum Anderen führt Lorenzo aus das Romeo eigentlich dankbarer sein müsste und sich weibisch verhält.


Kommentierter Originaltext

DRITTE SZENE
Bruder Lorenzos Zelle
[Lorenzo und Romeo kommen.] Bruder Lorenzo tritt auf.

LORENZO
Komm, Romeo! Hervor, du Mann der Furcht!
Bekümmernis hängt sich mit Lieb an dich,
Und mit dem Mißgeschick bist du vermählt.
Romeo tritt auf.
ROMEO
Vater, was gibts? Wie heißt des Prinzen Spruch?
Wie heißt der Kummer, der sich zu mir drängt
Und noch mir fremd ist?
LORENZO
                         Zu vertraut, mein Sohn,
Bist du mit solchen widrigen Gefährten.
Ich bring dir Nachricht von des Prinzen Spruch.
ROMEO
Und hat sein Spruch mir nicht den Stab gebrochen?
LORENZO
Ein mildres Urteil floß von seinen Lippen:
Nicht Leibes Tod, nur leibliche Verbannung.
ROMEO
Verbannung? Sei barmherzig! Sage: Tod!
Verbannung trägt der Schrecken mehr im Blick,
Weit mehr als Tod! - O sage nicht Verbannung!
Lorenzo überbringt Romeo die Botschaft von seiner Verbannung durch den Prinzen 
LORENZO
Hier aus Verona bist du nur verbannt;
Sei ruhig, denn die Welt ist groß und weit.
ROMEO
Die Welt ist nirgends außer diesen Mauern;
Nur Fegefeuer, Qual, die Hölle selbst.
Von hier verbannt ist aus der Welt verbannt,
Und solcher Bann ist Tod. Drum gibst du ihm
Den falschen Namen. - Nennst du Tod Verbannung,
Enthauptest du mit goldnem Beile mich
Und lächelst zu dem Streich, der mich ermordet.
LORENZO
O schwere Sünd, o undankbarer Trotz!
Dein Fehltritt heißt nach unsrer Satzung Tod;
Doch dir zulieb hat sie der gütge Fürst
Beiseit gestoßen und Verbannung nur
Statt jenes schwarzen Wortes ausgesprochen.
Und diese teure Gnad erkennst du nicht?

Romeo empfindet das gnädige Urteil des Prinzen nicht als so gütig, sondern beklagt sich darüber. Er will lieber tot sein, als verbannt, das versteht aber Lorenzo nicht so richtig. 
ROMEO
Nein, Folter; Gnade nicht! Hier ist der Himmel,

Wo Julia lebt, und jeder Hund und Katze
Und kleine Maus, das schlechteste Geschöpf,
Lebt hier im Himmel, darf ihr Antlitz sehn;
Doch Romeo darf nicht. Mehr Würdigkeit,
Mehr Ansehn, mehr gefällge Sitte lebt
In Fliegen als in Romeo. Sie dürfen
Das Wunderwerk der weißen Hand berühren
Und Himmelswonne rauben ihren Lippen,
Die sittsam in Vestalenunschuld stets
Erröten, gleich als wäre Sünd ihr Kuß.
Dies dürfen Fliegen tun, ich muß entfliehn;
Sie sind ein freies Volk, ich bin verbannt.
Und sagst du noch, Verbannung sei nicht Tod?
So hattest du kein Gift gemischt, kein Messer
Geschärft, kein schmählich Mittel schnellen Todes,
Als dies »Verbannt«, zu töten mich? Verbannt!
O Mönch! Verdammte sprechen in der Hölle
Dies Wort mit Heulen aus; hast du das Herz,
Da du ein heilger Mann, ein Beichtiger bist,
Ein Sündenlöser, mein erklärter Freund,
Mich zu zermalmen mit dem Wort Verbannung?

Romeo erklärt warum die Verbannung für ihn das Schlimmste ist. Denn er leidet darunter von Julia getrennt zu sein. 
LORENZO
Du kindisch blöder Mann, hör doch ein Wort!
ROMEO
O du willst wieder von Verbannung sprechen!
LORENZO
Ich will dir eine Wehr dagegen leihn,
Der Trübsal süße Milch, Philosophie,
Um dich zu trösten, bist du gleich verbannt.
ROMEO
Und noch verbannt? Hängt die Philosophie!
Kann sie nicht schaffen eine Julia,
Aufheben eines Fürsten Urteilspruch,
Verpflanzen eine Stadt, so hilft sie nicht,
So taugt sie nicht, so rede länger nicht!
LORENZO
Nun seh ich wohl. Wahnsinnige sind taub.
ROMEO
Wärs anders möglich? Sind doch Weise blind.
LORENZO
Laß über deinen Fall mit dir mich rechten!
ROMEO
Du kannst von dem, was du nicht fühlst, nicht reden.
Wärst du so jung wie ich und Julia dein,
Vermählt seit einer Stund, erschlagen Tybalt,
Wie ich von Lieb entglüht, wie ich verbannt,
Dann möchtest du nur reden, möchtest nur
Das Haar dir raufen, dich zu Boden werfen
Wie ich und so dein künftges Grab dir messen.
[Er wirft sich an den Boden.] Man klopft draußen.

Romeo und Lorenzo streiten über den Umstand, dass Romeo so betrübt über die Verbannung ist. Lorenzo empfindet das als nicht angemessen und undankbar, aber Romeo findet, dass sich Lorenzo kein Urteil erlauben kann, weil er nicht so jung ist wie Romeo und Julia und  nicht so verliebt ist. 
LORENZO
Steh auf, man klopft; verbirg dich, lieber Freund!
ROMEO
O nein, wo nicht des bangen Stöhnens Hauch
Gleich Nebeln mich vor Späheraugen schirmt.
Man klopft.LORENZO
Horch, wie man klopft! - Wer da? - Fort, Romeo!
Man wird dich fangen. - Wartet doch ein Weilchen! -
Steh auf
Man klopft.           und rett ins Lesezimmer dich! -
[Man klopft.] Ja, ja! im Augenblick! - Gerechter Gott,
Was für ein starrer Sinn! - Ich komm, ich komme:
Man klopft. Wer klopft so stark? Wo kommt Ihr her? Was wollt Ihr?

Es klopft penetrant an der Tür und Lorenzo fordert Romeo auf sich zu verstecken.

WÄRTERIN
draußen.
Laßt mich hinein, so sag ich Euch die Botschaft.
Das Fräulein Julia schickt mich.
LORENZO
                                  Seid willkommen!

Die Wärterin tritt herein.
WÄRTERIN
O heilger Herr, o sag mir, heilger Herr:
Des Fräuleins Liebster, Romeo, wo ist er?
LORENZO
Am Boden dort, von eignen Tränen trunken.
WÄRTERIN
Oh, es ergeht wie meiner Herrschaft ihm,
Ganz so wie ihr!
LORENZO
                  O Sympathie des Wehs!
Bedrängter Zustand!
WÄRTERIN
                     Gerade so liegt sie,
Winselnd und wehklagend, wehklagend und winselnd.
Steht auf, steht auf! Wenn Ihr ein Mann seid, steht!
Um Juliens willen, ihr zulieb, steht auf!
Wer wollte so sich niederwerfen lassen?

Lorenzo und die Wärterin tauschen sich aus wie es Romeo und Julia geht und die Wärterin und er stellen fest, dass beide gleich traurig und am Boden sind. 
ROMEO
Gute Frau!
WÄRTERIN
Ach Herr, ach Herr! Im Tod ist alles aus.

ROMEO
Sprachst du von Julien? Wie stehts mit ihr?
Hält sie mich nicht für einen alten Mörder,
Da ich mit Blut, dem ihrigen so nah,
Die Kindheit unsrer Wonne schon befleckt?
Wo ist sie? Und was macht sie? Und was sagt
Von dem zerstörten Bund die kaum Verbundne?
WÄRTERIN
Ach Herr, sie sagt kein Wort, sie weint und weint.
Bald fällt sie auf ihr Bett, dann fährt sie auf,
Ruft: Tybalt! aus, schreit dann nach Romeo
Und fällt dann wieder hin.
ROMEO
                            Als ob der Name,
Aus tödlichem Geschütz auf sie gefeuert,
Sie mordete, wie sein unselger Arm
Den Vetter ihr gemordet. Sag mir, Mönch,
O sage mir: in welchem schnöden Teil
Beherbergt dies Gerippe meinen Namen?
Sag, daß ich den verhaßten Sitz verwüste.
Er zieht den Degen.

Romeo hört durch die Wächterin wie schlecht es Julia geht und macht sich schwere Vorwürfe.
LORENZO
Halt ein die tolle Hand! Bist du ein Mann?
Dein Äußres ruft, du seist es, deine Tränen
Sind weibisch, deine wilden Taten zeugen
Von eines Tieres unvernünftger Wut.
Entartet Weib in äußrer Mannesart!
Entstelltes Tier, in beide nur verstellt!
Ich staun ob dir; bei meinem heilgen Orden,
Ich glaubte, dein Gemüt sei bessern Stoffs!
Erschlugst du Tybalt? Willst dich selbst erschlagen?
Auch deine Gattin, die in dir nur lebt,
Durch so verruchten Haß, an dir verübt?
Was schiltst du auf Geburt, auf Erd und Himmel?
In dir begegnen sie sich alle drei,
Die du auf einmal von dir schleudern willst.
Du schändest deine Bildung, deine Liebe
Und deinen Witz. O pfui! Gleich einem Wuchrer
Hast du an allem Überfluß und brauchst
Doch nichts davon zu seinem echten Zweck,
Der Bildung, Liebe, Witz erst zieren sollte.
Ein Wachsgepräg ist deine edle Bildung,
Wenn sie der Kraft des Manns abtrünnig wird,
Dein teurer Liebesschwur ein hohler Meineid,
Wenn du die tötest, der du Treu gelobt,
Dein Witz, die Zier der Bildung und der Liebe,
Doch zum Gebrauche beider mißgeartet,
Fängt Feuer durch dein eignes Ungeschick
Wie Pulver in nachläßger Krieger Flasche,
Und was dich schirmen soll, zerstückt dich.
Auf, sei ein Mann, denn deine Julia lebt,
Sie, der zulieb du eben tot hier lagst;
Das ist ein Glück. Dich wollte Tybalt töten,
Doch du erschlugst ihn; das ist wieder Glück.
Dein Freund wird das Gesetz, das Tod dir drohte,
Und mildert ihn in Bann; auch das ist Glück.
Auf deine Schultern läßt sich eine Last
Von Segen nieder, und es wirbt um dich
Glückseligkeit in ihrem besten Schmuck,
Doch wie ein ungezognes, launsches Mädchen
Schmollst du mit deinem Glück und deiner Liebe.
O hüte dich, denn solche sterben elend.
Geh hin zur Liebsten, wie's beschlossen war,
Ersteig ihr Schlafgemach; fort, tröste sie!
Nur weile nicht, bis man die Wachen stellt,
Sonst kommst du nicht mehr durch nach Mantua.
Dort lebst du dann, bis wir die Zeit ersehn,
Die Freunde zu versöhnen, euren Bund
Zu offenbaren, von dem Fürsten Gnade
Für dich zu flehn und dich zurückzurufen
Mit zwanzighunderttausendmal mehr Freude,
Als du mit Jammer jetzt von hinnen ziehst.
Geh, Wärterin, voraus, grüß mir dein Fräulein;
Heiß sie das ganze Haus zu Bette treiben,
Wohin der schwere Gram von selbst sie treibt;
Denn Romeo soll kommen.

Lorzenzo kritisiert Romeo dafür dass er sein Glück nicht zu schätzen weiß und stellt Romeos Männlichkeit in Frage
WÄRTERIN
O je, ich blieb hier gern die ganze Nacht
Und hörte gute Lehr. Da sieht man doch,
Was die Gelahrtheit ist! - Nun, gnädger Herr,
Ich will dem Fräulein sagen, daß Ihr kommt.
ROMEO
Tu das und sag der Holden, daß sie sich
Bereite, mich zu schelten.
WÄRTERIN
                            Gnädger Herr,
Hier ist ein Ring, den sie für Euch mir gab.
Eilt Euch, macht fort, sonst wird es gar zu spät.
Ab.

Die Wächterin hat genug von der Diskussion und übergibt Romeo den Ring von Julia. Dann geht sie

ROMEO
Wie ist mein Mut nun wieder neu belebt!
LORENZO
Geh! Gute Nacht! Und hieran hängt dein Los:
Entweder geh, bevor man Wachen stellt,
Wo nicht, verkleidet in der Frühe fort.
Verweil in Mantua; ich forsch indessen
Nach deinem Diener, und er meldet dir
Von Zeit zu Zeit ein jedes gute Glück,
Das hier begegnet. Gib mir deine Hand!
Es ist schon spät. Fahr wohl denn! Gute Nacht!
ROMEO
Mich rufen Freuden über alle Freuden,
Sonst wärs ein Leid, von dir so schnell zu scheiden.
Leb wohl!

Beide ab.

Lorenzo rät Romeo sich nachts im Schutz der Dunkelheit davon zu machen und sich in Matua versteckt zu halten. Er will nach Romeos Diener suchen und diesen zu Romeo schicken.

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